Ein guter Plan ist die Nummer eins unter den Achtsamkeitsplanern. Den dahinterstehenden Verlag finde ich aus zwei Gründen spannend:

  1. Die beiden Gründer, Jan Lenarz und Milena Glimbovski, haben viel theoretisches und praktisches Wissen zu Achtsamkeit aufgebaut, da sie sich nach persönlichen Tiefpunkten intensiv mit Stressvermeidung und mentaler Gesundheit beschäftigt haben. Mich interessiert schon länger, warum Achtsamkeit in den letzten Jahren zu einem allgegenwärtigen Thema geworden ist.
  2. Ein guter Verlag ist ein Verlag und wächst rasant. Diese Kombination ist wirklich selten in einer Zeit, in der die meisten Verlage im besten Fall stagnieren.

Letztes Jahr habe ich Ein guter Verlag im Weihnachtsgeschäft unterstützt und so habe ich jetzt mit Jan telefoniert und ihm meine Fragen gestellt.

Ein guter Verlag wächst Jahr für Jahr. Ich vermute, das hat zum einen mit eurer guten Arbeit zu tun und zum anderen auch damit, dass Achtsamkeit mehr und mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommt. Würdest du sagen, das stimmt? Und wenn ja, warum ist Achtsamkeit so ein Trendthema?

Ja, ich glaube, das stimmt. Achtsamkeit war sehr relevant, als wir angefangen haben, und ist es seitdem geblieben. Und unser Buch, so wie es ist, holt die Leute an der richtigen Stelle ab.

Nur Trend würde ich die Relevanz von Achtsamkeit nicht nennen, weil es für mich impliziert, dass es auch wieder vorbeigeht. Das glaube ich nämlich nicht.

Ich denke, dass es eine Gegenerscheinung oder ein Gegenentwurf zu dem Stress ist, den wir haben. Und ich gehe nicht davon aus, dass dieser Stress weniger wird. Ich glaube eher, dass wir in Zukunft noch viel mehr arbeiten werden und dass sich unsere Arbeit noch mehr mit unserem Privatleben vermischen wird. Dazu kommt dann noch die Existenzangst, dadurch, dass dass die meisten Jobs ziemlich unsicher sind, zumindest für junge Menschen im urbanen Umfeld.

Welche Rolle im Aufkommen von Achtsamkeit würdest du dem Smartphone zuweisen?

Das Smartphone hat sicherlich seinen Anteil daran, dass das Berufsleben ins Private übergeht und man nach Feierabend noch erreichbar ist. Man guckt dann doch in seine Emails oder in Slack rein, gerade weil die Verbindung mit dem eigenen Job immer intensiver wird. Besonders bei Leuten, die ihre eigenen Projekte haben.

Neben der Erreichbarkeit ist auch die Fülle der Eindrücke und Informationen ein Problem. Die Apps werden immer besser und sind darauf ausgerichtet, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Und das ist für die mentale Gesundheit nicht sonderlich gut. Es ist einfach zu viel, und das, was wir da sehen, ist oft reißerisch oder ein scheinbar perfektes Leben von anderen. Das vergleicht man direkt mit sich selbst und das schadet uns immens.

Alle Produkte, die ihr verkauft, sind analog. Ist das eine bewusste Entscheidung oder Zufall?

Weder noch. Wir wollten schon ein analoges Produkt machen, weil wir es für sehr wichtig halten, dass man Sachen aufschreibt. Es laufen ganz andere Prozesse im Gehirn ab, wenn ich etwas reflektiere und aufschreibe, als wenn ich es in eine App tippe.

Aber wir sperren uns nicht gegen Technik. Wir sind auch keine Smartphone-Feinde. Wenn man damit achtsam umgeht, dann ist das schon okay. Wir entwickeln auch gerade eine App. Weil: Wenn die Leute das Smartphone eh schon haben, warum dann nicht für etwas Gutes nutzen?

Als wir das erste Mal telefoniert haben, hast du mir erzählt, dass du durch euren Erfolg mit Ein guter Plan auch zu Branchentreffen eingeladen wirst und von eurem Erfolg erzählen sollst. Hast du Learnings für andere Verlage im Gepäck? Und wie werden die aufgenommen?

Die Verlage finden schon spannend, was wir hier machen. Aber sie sagen auch immer gleich, dass es nichts für sie ist. Das ist aus meiner Sicht gefährlich, weil es den Verlagen immer schlechter und uns immer besser geht. Wir wachsen jedes Jahr um fast 100 Prozent, während die großen Verlage stark am Abbauen sind.

Ich kann viele kleine Tipps geben, wie man gut Bücher verkauft oder gut Marketing macht. Aber der wichtigste Schritt für die Verlage ist, erstmal einzusehen, dass sie aktuell nicht die jungen Leute ansprechen. Die Verlage sagen immer: “Die wandern zu Netflix ab.” Das liegt aber auch daran, dass Netflix die jungen Leute einfach richtig anspricht. Und ich kenne zum Beispiel kaum Verlage, die ernsthaft auf Instagram aktiv sind, und wenn doch, dann posten sie meistens nur Cover und einen Link zum Kaufen. Das transportiert weder Werte noch baut es eine emotionale Bindung zum Verlag auf.

Inwiefern ist das, was ihr macht, denn überhaupt replizierbar für einen großen Verlag? Also dieses authentische Erzählen auf Instagram und Facebook mit dir und Milena als zwei Köpfe, die für euer Thema und eure Bücher stehen?

Inhaltlich ist es natürlich schwierig, wenn ich als Verlag ein ganzes Spektrum bediene.

Aber das machen nicht alle Verlage. Ein spezieller Verlag kann sehr gut die Themen auf Social Media angehen, die die Zielgruppe interessieren. Und das sehe ich zu wenig.

Es ist auch klar, dass nicht jeder die persönliche Geschichte der Gründer erzählen kann. Ich verstehe, wenn die Verleger*innen nicht persönlich auftreten wollen, aber ich verstehe nicht, warum man dann nicht die Autorinnen und Autoren nach vorne stellt.

Da werden eher Cover gepostet, damit das Buch bestellt wird. Warum richtet keiner einen kreativen Plot auf der eigenen Seite ein? Warum erzählt kaum einer auf Social Media, was der Anstoß war, ein Buch zu machen? Warum gibt es selten eine Story über den Entwicklungsprozess eines Buchs? All das sehe ich sehr wenig.

Und die Newsletter von Buchverlagen, die ich abonniert habe, sind auch immer nur voller Kaufen-Links. Es interessiert die Leute nicht so, wo sie ein Buch kaufen können. Das kriegen sie schon alleine raus.

Ihr wachst sehr rasant. Meinst du, das kann jetzt fünf Jahre so weitergehen? Und falls ja, ist das für dich wünschenswert?

Wir haben schon bestimmt, dass Wachstum nicht unser Hauptaugenmerk ist. Wir wollen gemeinsam mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut davon leben können und das haben wir erreicht. Damit sind wir sehr zufrieden.

Für uns ist es spannend, neue Produkte zu entwickeln, weil es uns einfach interessiert. Und dass wir uns als Marktführer in dieser Sparte verfestigen. Das Ökonomische ist für uns natürlich auch schön, aber nicht die Motivation.

Zum Abschluss: Hast du drei Bücher, die du zum Thema Achtsamkeit empfehlen kannst? Außer “Ein guter Plan“?

Wir haben “Ein guter Plan“ entwickelt, gerade weil ich fand, dass die vorhandenen Bücher eher naiv an das Thema herangehen und es nicht so deskriptiv adressieren, wie wir das versuchen. Deswegen kann ich zu Achtsamkeit an sich kein anderes Buch uneingeschränkt empfehlen. Ich empfehle lieber andere Sachbücher, die sich allgemein mit mentaler Gesundheit beschäftigen.

Welche denn?

Was mir selber sehr gefallen hat, war „The Antidote“ von Oliver Burkeman, eine Anleitung für Menschen, die diese “Good vibes only”-Einstellung nicht gut finden. Weil er sehr kritisch an das Thema herangeht, sich einmal alle möglichen Techniken anguckt und auch ganz viel selber ausprobiert. Und danach spricht er noch mit Wissenschaftlern, was wirklich funktioniert.

Außerdem kann ich „Psyche? Hat doch jeder“ von Lena Kuhlmann uneingeschränkt empfehlen. Viele Menschen versuchen sehr komplizierte Techniken für mehr Zufriedenheit in ihr Leben zu integrieren, ohne sich einmal damit beschäftigt zu haben, was mentale Gesundheit überhaupt ist. Das erklärt Lena sehr gut.

Als drittes empfehle ich „Liebe dich selbst und es ist egal wen du heiratest“ von Eva-Maria Zurhorst immer gern. Ich glaube, Beziehungen sind eine der größten Ursachen für Sorgen in unserem Leben und das Buch lenkt den Fokus weg vom Mindset, den/die perfekte/n Partner*in finden zu müssen, womit sich so viele Menschen stressen, und gibt eine tolle Anleitung für mehr Selbstliebe.

Danke für das Interview, Jan!

“Achtsamkeit ist kein Trend, sondern ein Gegenentwurf” – Interview mit Jan Lenarz