Im Analogen achte ich schon jahrelang auf Nachhaltigkeit im Einkauf. Zumindest gebe ich mir meistens Mühe, das öko-zertifizierte Produkt zu finden oder es gleich gebraucht zu kaufen.

Im Digitalen habe ich erst im letzten Jahr begonnen, mich für Nachhaltigkeit zu interessieren. Schließlich ist es nicht so offensichtlich, was Nachhaltigkeit bei digitalen Tools eigentlich ausmacht. Es gibt weder etablierte Labels noch macht ein Konzept wie „Second-Hand“ bei Videokonferenz-Software Sinn.

Leitprinizipien für eine nachhaltige Digitalisierung

Dabei hat natürlich auch die Nutzung digitaler Tools Auswirkungen auf die Welt und beeinflusst den Energie- und Rohstoffverbrauch, die Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands und die der Machtverhältnisse.

Die beiden Wissenschaftler Tilman Santarius und Steffen Lange haben sich intensiv mit den sozialen und ökologischen Konsequenzen der Digitalisierung beschäftigt und in ihrem Buch Smarte grüne Welt? drei Leitprinzipien für eine nachhaltige Digitalisierung formuliert.

Leitprinzipien für nachhaltige Digitalisierung nach Santorius und Lange
3 Leitprinzipien nachhaltiger Digitalisierung nach Santorius und Lange (eigene Darstellung)

7 konkrete Kriterien für digitale Tools

Aus den doch eher allgemein gehaltenen Leitprinzipien habe ich für mich diese Kriterien formuliert:

  1. Tools mit dem passenden Funktionsumfang auswählen: Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass wir unsere Werkzeuge nach unseren Anforderungen aussuchen. Aber tatsächlich ist gerade in der digitalen Welt oft das Gegenteil der Fall. Es werden die Tools ausgesucht, mit denen am meisten möglich ist – oft total unbeindruckt davon, ob diese Möglichkeiten jemals genutzt werden. Neben Zeit und Geld spare ich auch Umweltverbrauch, wenn ich schlanke Tools auswähle, da die tendenziell weniger Daten und Rechenpower benötigen.
  2. Europäische statt amerikanische Anbieter auswählen: Spätestens seit dem zerbrochenen Privacy Shield wissen wir, dass die amerikanische Rechtsauffassung grundlegend mit unserer europäischen kollidiert. In den USA müssen Firmen dem Staat Zugriff auf personenbezogene Daten gewähren, übrigens unabhängig davon, wo diese Daten liegen. In Europa gelten strengere Regeln.
  3. Auf Datensparsamkeit achten: Tools, die nur notwendige Daten erheben – also „Privacy by Design“ sicherstellen -, sparen nicht nur Bandbreite, sondern schützen ihre Nutzer auch vor weiterer Verwertung ihrer Daten und in Fällen von Datenlecks.
  4. Auf Datenexportmöglichkeit achten: Wenn Nutzer ihre Daten exportieren können, verhindern sie eine dauerhafte Abhängigkeit von diesem Tool.
  5. Open Source nutzen und fördern: Open Source („quelloffene“) Software ist gemeinwohlorientiert im besten Sinne, da es das frei verfügbare Wissen der Welt vermehrt.
  6. Bei Genossenschaften statt bei Kapitalgesellschaften kaufen: Genossenschaften sind ihren Mitgliedern verpflichtet, Kapitalgesellschaftern ihren Kapitalgebern. Deswegen sorgen Genossenschaften für eine gerechtere Verteilung des von ihnen erwirtschafteten Wohlstands.
  7. Bei kleinen Anbietern statt bei Mega-Firmen kaufen: Digitale Geschäftsmodelle lassen sich enorm schnell skalieren, wodurch riesige Plattformen entstehen, gegen die Wettbewerb extrem schwer ist. Durch den Kauf bei verhältnismäßig kleinen Anbietern wird die Angebotsvielfalt gestärkt. Außerdem sind kleine Anbieter oft sehr spezialisiert auf eine Kundengruppe, was den Nutzern zugutekommt.

Diese Liste ist sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich freue mich über Hinweise und werde diese Liste auch gelegentlich aktualisieren, wenn ich wieder etwas gelernt habe.

Nachhaltige digitale Tools

2020 habe ich zu den folgenden nachhaltigen digitalen Tools und Anbieter gewechselt:

Eine Alternative zu Google Drive und Dropbox: NextCloud

Auch für Solo-Selbstständige wie mich ist ein Speicherplatz in der Cloud unerlässlich, um meine eigenen Daten zu sichern und mit Kunden und Partnern Dateien zusammenzuarbeiten.

Aus intellektueller Faulheit habe ich dafür die letzten Jahre sowohl Google Drive als auch Dropbox genutzt, obwohl ich die eigentlich gleichwertige Open-Source-Alternative NextCloud kenne, weil wir damit schon bei Blogbox gearbeitet haben.

Nexcloud als nachhaltige Alternative zu Dropbox und Google Drive
Screenshot der NextCloud-Oberfläche

Durch die Speicherung meiner Daten bei NextCloud gebe ich weder Google noch Dropbox Zurgriff auf meine Daten und zwinge auch niemanden mehr in das Universum der amerikanischen Tech-Giganten, um mit mir zusammenzuarbeiten.

Eine Alternative zu Google Doc und Microsoft Word: Etherpad

Der Startpunkt strategischer Arbeit ist bei mir oft ein gemeinsames Dokument, in dem ich mit Geschäftspartner Ideen sammle und Pläne schmiede.

Bisher habe ich einfach Google Docs dafür verwendet. Den Zugriff konnte ich schnell erteilen und es kostet kein Geld. Aber natürlich kostet es Daten und gibt der berühmtesten Datenkrake der Welt einen noch besseren Überblick über mich und meine Geschäftspartner.

In der Zusammenarbeit mit Fridays for Future habe ich dann Etherpad kennengelernt.

Etherpad als nachhaltige Alternative zu Google Doc und Microsoft Word
Screenshot von Etherpad

Etherpad ist nicht nur open source, sondern auch noch besser für kollaboratives Arbeiten geeignet als Google Docs oder Microsoft Word.

Eine Alternative zu MS Teams und Zoom: BigBlueButton

2020 war das Jahr der Video-Konferenzen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Stunden ich in Zoom oder MS Teams verbracht habe.

Sowohl Zoom als auch Teams gehören amerikanischen Konzernen, die von Datenschützern sehr kritisch gesehen werden. Mit der Explosion der virtuellen Meetings habe ich auch schnell Hinweise auf die open source-Alternativen Jitsi Meet und BigBlueButton erhalten.

Da ich mit BigBlueButton die deutlich besseren Erfahrungen gemacht habe, veranstalte ich meine virtuellen Meetings mit BigBlueButton.

Eine Alternative zu Google Analytics: Koko Analytics

Treue Blogleser wissen, dass ich Google Analytics aus wirtschaftlichen und rechtlichen Gründen ablehne – gerade für so kleine Seiten wie die meine. Nachdem ich die die letzten Jahre die Nutzung meiner Website gar nicht analysiert habe, wollte ich 2020 schon herausfinden, welche Inhalte auf meiner Website interessieren und welche nicht.

Für meine Zwecke reicht die kostenfreie open source-Software Koko Analytics komplett aus.

Screenshot Koko Analytics
Screenshot von Koko Analytics

Das Tool ist simpel, schnell und erhebt nur die Daten, die ich wirklich brauche. Auf Cookies verzichte ich dabei komplett.

Eine Alternative zu Strato: Hostsharing

Für digitale Nachhaltigkeit ist neben der eingesetzten Software entscheidend, wo diese gehostet wird. Schließlich liegen die Daten auf dem Server des Hosters. Außerdem entsteht der Energieverbrauch beim Hoster.

Meine Website habe ich seit ihrem Bestehen bei Strato gehostet. Strato ist Teil des MDAX-Konzerns United Internet, zu dem unter anderem 1&1, gmx und web.de gehören.

Eine Genossenschaft ist mir da deutlich sympathischer. Die habe ich mit Hostsharing gefunden. Deswegen hoste ich NextCloud, Etherpad und BigBlueButton dort und werde auch meine Website dahin umziehen.

Dadurch liegt wieder ein bisschen mehr Wertschöpfung bei Genossenschaften statt bei börsennotierten Firmen mit inherentem Wachstumszwang.

Es gibt noch viel zu tun

Natürlich bin ich auch Teil der aktuellen Geschäftswelt und nutze in der Zusammenarbeit mit Kunden nach wie vor MS Teams, Google Docs, Zoom, Google Anlaytics und Dropbox. Für mich ist es unrealistisch, eine Datenspur bei den Großkonzernzen komplett zu verhindern.

Aber wenn ich die Infrastruktur der Zusammenarbeit bereitstelle, dann kann ich immerhin die Datenspur vermindern und vielleicht dem ein oder anderen eine Alternativen zu den Techgiganten aufzeigen.

2021 will ich auch noch mehr digitale nachhaltige Tools im Einsatz haben und meinen Fußabdruck an Daten und an CO2e weiter senken. Ich freue mich da über jeden hilfreichen Hinweis.

Digitale Tools: Wie ich auch im Digitalen auf Nachhaltigkeit achte