Deutschland ist das Land der Angestellten und Beamten. Vielleicht habe ich deswegen häufig das Gefühl, dass ich als Selbstständiger als komischer Sonderfall betrachtet werde.
Ob bei der Beantragung des Elterngeldes, bei der Altersvorsorge oder bei der jährlichen Steuererklärung – wenn es nicht gleich finanziell ungünstiger für mich als Selbstständigen ist, so ist es zumindest deutlich komplizierter.
Benachteiligt fühlt sich wahrscheinlich jeder schnell. Man spürt schließlich nur die Unbequemlichkeiten, die einem selbst widerfahren. Darum wollte ich mal einen Experten dazu befragen, ob es Selbstständige im Vergleich zu Angestellten in Deutschland wirklich schwerer haben.
Wenn einer die Probleme von Selbstständigen im Blick hat, dann wohl Andreas Lutz, der Gründer des Verbandes der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. (VGSD). Deswegen habe ich ihn getroffen und dazu interviewt. Außerdem habe ich ihn noch zu seinem eigenen Weg vom Angestellten zum Selbstständigen und Verbandsgründer befragt.

Auf eurer Website schreibt ihr: „Die Serie der kleinunternehmer- und gründerfeindlichen Gesetze reißt nicht ab“. Wie werden denn Selbstständige und Gründer in Deutschland konkret benachteiligt? Kannst du dafür ein Beispiel bringen?
Nehmen wir doch das Thema Krankenversicherung und gehen dabei von den gesetzlich versicherten Selbstständigen aus. Mehr als die Hälfte der Selbstständigen sind freiwillig gesetzlich versichert.
Für diese Versicherten gelten andere Spielregeln als für die Pflichtversicherten. Da ist es zum einen so, dass viele Selbstständige eine deutlich höhere Mindestbemessungsgrenze für ihre Krankenversicherungsbeiträge haben.
Bis Ende 2018 zahlte man als Selbstständiger mindestens die Beiträge für ein Einkommen von knapp 2.500 Euro. Deswegen mussten Selbstständige wenigstens 430 Euro pro Monat allein für die Krankenversicherung abführen, auch wenn sie nur 1.000 Euro im Monat verdienen.
Dagegen bezahlen Angestellte ab einem Einkommen von 450 Euro einkommensgerecht Beiträge, teilen diese mit ihrem Arbeitgeber und werden sogar noch beim Arbeitnehmeranteil durch die Übergangszone [bis Mitte 2019: Gleitzonenregelung] subventioniert.
Diese Ungleichbehandlung wurde durch das zum 1. Januar 2019 in Kraft getretene Versichertenentlastungsgesetz deutlich abgemildert, woran wir als Verband erheblichen Anteil haben. Dabei ist die Mindestbemessungsgröße um 56 Prozent gesenkt worden. Das führt dazu, dass die monatlichen Mindestbeiträge nur noch 190 Euro sind und nicht mehr 430. Es ist aber immer noch ein Vielfaches von dem, was Angestellte mindestens bezahlen.
Das ist aber nicht die einzige Ungerechtigkeit. Es gibt auch bei der Bemessungsgrundlage für die Beiträge Ungleichheiten. Eine offensichtliche ist, dass freiwillig Versicherte [zu denen Selbstständige zählen] auch auf Zins- und Mieteinnahmen Kranken- und Plegeversicherungsbeiträge bezahlen müssen.
Wenn Selbstständige also das tun, von dem häufig unterstellt wird, dass sie es nicht tun, was sie aber in der großen Mehrheit sehr wohl tun, nämlich für ihr Alter vorsorgen, dann werden sie dafür bestraft, indem sie auf Zins- und Mieterlöse Beiträge bezahlen müssen. Angestellte müssen das nicht!
Das ist aber noch nicht einmal die größte Ungleichbehandlung in diesem Bereich, denn die Beiträge werden bei Selbstständigen nach dem Gewinn bemessen und bei Arbeitnehmern nach dem Bruttogehalt.
Der Gewinn bei Selbstständigen sollte aber deutlich höher liegen als das Bruttogehalt bei vergleichbaren Angestellten, mindestens aber um 20 Prozent. Das ist der rechnerische Arbeitgeberanteil der Sozialversicherung, den Selbstständige selbst tragen müssen. [Anmerkung von Moritz: Außerdem sollten Selbstständige mehr verdienen, um ihr höheres Verdienstausfallrisiko durch eine Auftragsflaute oder eine längere Krankheit abzufedern.]
Ein Beispiel: Wenn ich als Arbeitnehmer 3.000 € verdienen würde, muss ich als Selbstständiger 3.600 € Gewinn erzielen. Als Selbstständiger bezahle ich auf meinen Gewinn von 3.600 € meine Beiträge. Insgesamt inklusive Altersvorsorge 40 Prozent, also 1.440 €.
Als Angestellter zahle ich auf das Bruttogehalt von 3.000 € den Arbeitnehmeranteil von 20%. Das sind 600 € und der Arbeitgeber zahlt auch 600 €. Also wird insgesamt für den Angestellten 1.200 € in die Versicherung eingezahlt.
Also 1.440 € versus 1.200 €, das sind 20% höhere Beiträge als bei gesetzlich versicherten Selbstständigen mit vergleichbarem Einkommen – und Geld, das den Selbstständigen bei der Altersvorsorge fehlt.
Unsere Mitglieder sind bereit, Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil zu bezahlen, wir wollen aber nicht mehr bezahlen als Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen!
Das mal als ein Beispiel, als einer von mehreren Bereichen, in denen eine Ungleichbehandlung besteht.
Als Selbstständiger kann ich mich diesem Komplex der Ungleichbehandlung doch auch einfach entziehen und mich privat krankenversichern. Und ist es nicht immer so, dass ich als Selbstständiger viel mehr Gestaltungsraum habe? Entstehen dadurch nicht eher Vorteile? Braucht man als Selbstständiger nicht einfach nur genug Know-How, um “das System zu hacken”?
Wenn ich zu meinem Steuerberater gehe und frage, welche Gestaltungsmöglichkeiten ich als Selbstständiger habe, ist das ein sicherer Weg, ihn zum Lachen zu bringen. Früher mag es solche Gestaltungsmöglichkeiten gegeben haben. Heute hat man als Selbstständiger eher Nachteile…
Zum Beispiel werden die Steuererklärungen von Selbstständigen viel strenger geprüft als die von Angestellten. Und dabei, erzählt mein Steuerberater, finden die Prüfer immer was – auch bei einer vorbildlichen Buchhaltung. Es gehe zu wie auf dem türkischen Basar. Er müsse an sich halten, versuchen freundlich zu bleiben und über die Höhe von Nachzahlungen verhandeln, obwohl Mandanten eigentlich alles vorbildlich gemacht haben.
Ein anderes Beispiel sind Firmenwagen. Bei einem Angestellten reicht es aus, wenn er einen Firmenwagen zehn Prozent geschäftlich nutzt, bei einem Selbstständigen müssen es fünfzig Prozent sein.
Vielleicht haben große multinationale Unternehmen Vorteile, von denen wir alle nur träumen können, aber bei uns einfachen Selbstständigen sehe ich die nicht – und schon gar nicht bei Teilzeit-Selbstständigen, die 1000 € im Monat verdienen – und eine private Krankenversicherung können die sich auch nicht leisten.
Mich interessiert auch, wie du und das Thema Selbstständigkeit zueinander gefunden haben. Ich habe gesehen, dass du einen Wikipedia-Eintrag hast und auch mal kaufmännischer Leiter bei Immobilienscout24 warst. Das klingt für mich nach einer erfolgreichen und lukrativen Angestelltenkarriere. Wie bist du dann eigentlich zur Selbstständigkeit gekommen?
Nachdem ich kaufmännischer Leiter bei Immobilienscout war, habe ich als Business Developer beim Burda Verlag gearbeitet. Als der Start-up-Boom nachließ, bin ich zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos geworden – für einen Monat.
In der Zeit der Freistellung habe ich überlegt, was ich künftig in meinem Leben machen möchte. Und bin zu derselben Erkenntnis gekommen wie viele andere Selbstständige, nämlich dass ich mein wahres Talent am besten außerhalb eines Anstellungsverhältnisses verwirklichen kann.
Das ist jetzt insofern ironisch, weil ich seit einigen Jahren wieder angestellt bin, nämlich beim VGSD. Aber dadurch, dass ich den gegründet und aufgebaut habe, habe ich viel Gestaltungsspielraum. Ich muss gegenüber der Mitgliederversammlung, Vorstand und Beirat natürlich gerade stehen und mich alle drei Jahre zur Wahl stellen. Das empfinde ich aber nicht als Kontrolle. Den Austausch mit den bei uns engagierten Mitgliedern finde ich unheimlich bereichernd.
Zurück ins Jahr 2003: Ich habe mich damals mit der Website gruendungszuschuss.de selbstständig gemacht und bin dann relativ schnell zu dem Experten für dieses Thema geworden. [Anmerkung von Moritz: Gründungszuschuss ist ein staatliche Förderung, um sich aus der Arbeitslosigkeit hauptberuflich selbstständig zu machen.]
Wie hast du damit Geld verdient?
Ich habe die Website gestartet, weil ich mich selbst intensiv mit der Förderung beschäftigt hatte und das, was ich herausgefunden habe, mit anderen teilen wollte. Ich hatte zunächst kein Geschäftsmodell dafür, aber es war schon auffällig, wie groß das Interesse der Gründer an der Seite war.
Ohne dass ich Pressearbeit gemacht habe, berichtete der STERN drei Wochen nach dem Launch über meine Seite und schrieb, sie sei die beste Website zum Thema Gründungszuschuss, neben der des Wirtschaftsministeriums!
Auf Anregung von Nutzern habe ich dann ein Businessplan-Tool entwickelt und bin in den Urlaub gefahren. Per SMS habe ich mich benachrichtigen lassen, wenn eine Bestellung kam. Ich lag dann in Budapest unter einem Baum und ständig piepste mein Telefon. Ich dachte dann schon, ich hätte was falsch eingestellt, aber es waren tatsächlich Bestellungen. Die habe ich dann zuhause per CD zum Briefkasten getragen.
Später haben mich Leser der Website gebeten, mein Wissen auch bei Seminaren direkt zu vermitteln. Das habe ich dann gemacht. Seitdem habe ich über 2.000 Seminare organisiert.
Außerdem habe ich zehn Bücher geschrieben, weitere zehn von anderen Autoren sind ebenfalls in meiner Buchreihe erschienen. Mir macht es Spaß, Themen systematisch zu durchdringen und mein Wissen zu teilen. Dabei hilft mir, was Freunde so beschreiben: „Dein Wissen zu einem Thema auf zwei Seiten zusammenzufassen fällt dir schwer, aber ein Buch darüber zu schreiben, ist ganz einfach.“
Wie bist du dann zum Verbandsgründer geworden?
Ab 2010 gab es aus meiner Sicht viele gründerfeindlichen Gesetze:
Der Anspruch auf Gründungszuschuss wurde rigoros eingeschränkt, durch die Gesetzesänderung nahm die Zahl geförderter Gründungen um 85% ab. Der Beitrag für die 2006 eingeführte Arbeitslosenversicherung für Selbstständige wurde vervierfacht. Zudem wurde über eine Altersvorsorgepflicht diskutiert, die im ersten Anlauf eine pauschale Höhe von etwa 400 Euro haben sollte. Zusammen mit den damals 350 Euro für die gesetzliche Krankenversicherung sollten also Fixkosten von 750 Euro entstehen. Was machst du dann als jemand, der 1.000 Euro im Monat verdient?
Damals hat die Politik überhaupt nicht wahrgenommen, dass fast die Hälfte der Selbstständigen in Teilzeit tätig ist. Die wären durch solche hohen Mindestbeiträge in die Geringfügigkeit oder in die Arbeitslosigkeit gedrängt worden und hätten dann gar keine Sozialversicherungsbeiträge mehr bezahlen können.
Deshalb habe ich zu dieser Zeit begonnen, mich politisch zu engagieren. Unter anderem für die Petition von Tim Wessels zur pauschalen Altersvorsorgepflicht.
Wir zwei sind dann von der damaligen Arbeitsministerin und heutigen EU-Kommissionspräsidenten von der Leyen zu zwei Gesprächen eingeladen worden. Wir haben konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht, aber das Gesetz wurde dann ganz zurückgezogen.
Das war unser erster politischer Erfolg. Denn dieses Gesetz hätte wahrscheinlich für hunderttausende Selbstständige das Aus bedeutet.
Einerseits war es sehr viel Arbeit, die Kampagne zu organisieren und dann diese Gespräche gut vorzubereiten – ein Kraftakt für alle Beteiligten. Andererseits hat es auch gezeigt, was man erreichen kann, wenn man sich engagiert.
Ich habe damals zu Tim gesagt: „80.000 Leute haben bei dieser Petition mitgezeichnet. Wenn wir jetzt deren E-Mail-Adressen hätten und sie auch für andere wichtige Anliegen um ihre Unterstützung bitten könnten, dann könnten wir politisch wirklich etwas für die Selbstständigen bewegen. Und deswegen möchte ich einen Verband aufbauen.”
Diesen Verband habe ich dann Mitte 2012 mit Tim und anderen gegründet. Heute haben wir gut 3.600 zahlende Mitglieder und rund 14.000 Community-Mitglieder, also Betroffene, die unsere Arbeit verfolgen und unterstützen.
Wie war dein Weg mit dem Verband in den sieben Jahren seitdem? War es am Anfang steinig, wie Gründerjahre eben oft sind, oder hattet ihr durch die erfolgreiche Petition von Anfang an genug Rückenwind?
Das war mit sieben Jahren Gehaltsverzicht verbunden, weil ich mir natürlich mit so einer Vereinsaktivität erstmal gar nichts bezahlen konnte und später dann sehr viel weniger als vorher als Angestellter oder mit meiner Selbstständigkeit.
Inzwischen kann ich davon gut leben und vor allem können wir Mitarbeitern auch angemessene Gehälter bezahlen. Und die ganze Zeit über hat es wahnsinnig viel Spaß gemacht, etwas bewegen zu können. Schon bei gruendungszuschuss.de habe ich oft die Rückmeldung bekommen, wie sehr die Website den Nutzern geholfen hat. Solche Rückmeldungen bekommen Max Hilgarth [Max ist der Geschäftsführer des VGSD] und ich auch beim VGSD regelmäßig und sie motivieren uns natürlich ungemein. Und sie zeigen uns, dass das, was wir tun, eine erhebliche gesellschaftliche Relevanz hat.
Wenn man sich anschaut, dass die Senkung der Mindestbemessungsgrenze für die Kranken- und Pflegeversicherung das Gesundheitsministerium erstmal 750 Millionen Euro kostet, dann sparen die Betroffenen entsprechend sehr viel Geld – bis zu 240 Euro im Monat –, die sie zum Beispiel in eine bessere Altersvorsorge investieren können.
Wir wünschen uns natürlich, das noch mehr Freelancer und Selbstständige bei uns Vereinsmitglied werden, damit wir weitere Erfolge erzielen können.
Als Abschlussfrage: Wie siehst du die Zukunft des Verbandes? Was ist in fünf oder zehn Jahren anders als heute?
Unser Team aus momentan noch zwei Vollzeit-Mitarbeitern wird in den nächsten Jahren mit der Zahl der Mitglieder sicher wachsen, wir haben jede Menge Ideen, wie wir die zusätzliche Kapazität nutzen wollen, um unseren Mitgliedern zu helfen und sie zu stärken.
Schon in den letzten beiden Jahren haben wir begonnen, aktive Mitglieder mit Kamera- und Argumentationstrainings zu schulen, um sie für unsere gemeinsamen Anliegen sprechfähig zu machen. Wir wollen sie in ihrem Tun unterstützen und der attraktivste Ort für Selbstständige sein, die sich wirkungsvoll engagieren wollen.
Die Liste der Missstände ist noch lang, die Arbeit wird uns nicht so schnell ausgehen.
Vielen Dank für das Interview, Andreas Lutz!