Joachim Kamphausen: „Der Zweck des Unternehmens ist, eine Entwicklungsgemeinschaft zu sein“

Auf meinem Blog sammle ich Unternehmer-Geschichten. Nach dem Auftakt mit Marco Eisenack im Januar, spreche ich hier mit Joachim Kamphausen.

Joachim Kamphausen

Joachim verlegt seit mehr als 30 Jahren Bücher in den Themenbereichen Persönlichkeitsentwicklung, ganzheitliche Gesundheit, Meditation, Spiritualität und Psychologie. Seine Kamphausen Media GmbH beschäftigt ungefähr 20 Festangestellte und entwickelt zunehmend auch Produkte jenseits des Buches.

Im vergangenen Herbst hat der Verlag den ersten Online-Kurs produziert, das Segen-Seminar mit Anselm Grün. Ich durfte bei der Vermarktung unterstützen und habe bei dieser Gelegenheit Joachim kennengelernt.

 

Du hast 1983 einen Vorgänger der Kamphausen Media GmbH mitgegründet. Was war dein Anstoß dazu? Warum hast du das gemacht?

Eigentlich war es so, dass eine Freundin und ein Freund von mir eine Idee hatten, aber kein Geld. Ich habe zu dieser Zeit als Makler gearbeitet und hatte Geld übrig. Und sie haben mich gefragt, ob ich ihr Projekt unterstütze.

Der Deal war ganz einfach: Sie brauchten jetzt 35.000 D-Mark und wollten mir drei Monate später 45.000 D-Mark zurückgeben. Das hörte sich für mich relativ komfortabel an. Ich brauchte nichts zu tun, sondern nur das Geld zu geben und alles andere würde auf mich zukommen.

Aber wie das so ist im Leben: Es hat sich als sehr guter Deal herausgestellt, aber nicht in der Form, wie es von den beiden versprochen worden war. Das war zunächst ein totaler Flop.

Wir haben 55.000 Karten zur Hand- und Fußreflexzonen-Massage konzeptioniert, gedruckt und verpackt. Die haben wir an knapp 400 Buchhandlungen als „Unverlangt-Sendung” geschickt. Damals gab es noch diese Möglichkeit, Kunden etwas unverlangt zuzuschicken. Wenn sie es behalten haben, mussten sie es bezahlen.

Jeden Morgen nach dieser Aktion kam der Postler mit einem großen Sack zu meinem Büro. Dann machte ich die Tür auf und er schüttete den Sack mit den ganzen zurückgesendeten Päckchen aus. Ich hatte dann nach ungefähr vier Wochen von den knapp 400 bis auf 15 Pakete alle wieder zurück.

Da war ich schon allein. Die beiden anderen waren auf und davon in der Welt und ich hatte nicht nur 35.000 D-Mark erstmal in den Sand gesetzt, sondern auch die ganze Ware wieder da.

Wie bist du mit diesem Rückschlag umgegangen?

Ich habe angefangen, mir Gedanken darüber zu machen, wie das Problem gelöst werden könnte. Ich konnte nicht mehr auf den vereinbarten Deal hoffen.

Die ursprünglichen Gründer hatten kein Geld. Das, was das Geld erwirtschaften sollte, war wieder zurückgekommen. Ich konnte mich nicht darauf verlassen, dass jetzt irgendjemand für mich die Kohlen aus dem Feuer holen würde. Das musste ich schon selbst machen. Das war eine Initiation und der entscheidende Schritt in die eigene Verantwortung.

Wie hast du dann die Kohlen aus dem Feuer geholt?

Als fast alle Karten wieder zurück waren und sich nichts tat, bin ich in den Urlaub gefahren. Im Urlaub habe ich dann bei einer Buchhandlung angerufen, von der ich wusste, dass sie die Karten noch nicht zurückgeschickt hatte. Die Verkäuferin erinnerte sich auch sofort, dass sie das Paket gesehen hatte. Sie wäre nur noch nicht dazu gekommen, es zurückzuschicken, da sie generell keine Unverlangt-Sendungen annehmen.

Dann habe ich “Halt, halt, halt” gesagt und ihr meine Geschichte erzählt. Sie meinte dann: “Oh Gott, was für Amateure” und “OK, ich stell das Ding mal auf”.

Zehn Tage später, kurz bevor ich wieder nach Hause gefahren bin, habe ich wieder angerufen. Da erzählte sie mir, dass sie nach zwei Tagen die 150 Karten verkauft hatte. Aber da an dem Display weder mein Name noch die Bestell-Adresse stand, konnte sie nicht nachbestellen, als alle Karten verkauft waren. Das war natürlich unprofessionell. Sie hat dann 5 Pakete nachbestellt.

Das war, wie für jedes Start-up, eine total wichtige Info. Du brauchst irgendwann einen Hoffnungsschimmer, wie es vielleicht gehen könnte. Dann habe ich mir die Liste von den fast 400 Buchhandlungen vorgenommen und alle abtelefoniert. So habe ich ungefähr 200 Pakete verkauft. Als ich erzählte, dass Hugendubel gleich fünf Pakete bestellt hat, haben sie das auch einmal versucht, obwohl sie die Karten vorher schon zurückgeschickt hatten. Inzwischen sind die Karten jetzt 35 Jahre im Handel und wir haben zwei Millionen davon verkauft. Das ist noch ein richtiger Erfolgsartikel geworden.

Die Idee mit den Karten hat dann noch geklappt. Wie hast du weitergemacht?

Die Freundin und der Freund haben sich zwischendurch immer mal wieder eingefunden. Die Freundin hatte immer wieder neue Ideen, die auch gut funktionierten. Zum Beispiel die Idee, Rasterbrillen zum Augen-Training zu entwickeln. Das haben wir nach ersten Fehlschlägen richtig gut vermarktet bekommen. Die cleveren Ideen habe ich mit mehr und mehr Vertrauen und Dankbarkeit aufgenommen und umgesetzt. Dadurch ist das Unternehmen in Gang gekommen.

In den ersten Jahren habe ich das Unternehmen als Statthalter, als Freund und Dienstleister für die beiden ursprünglichen Eigentümer, betrieben.

Hast du das dann in der ersten Zeit nebenberuflich gemacht?

Ich hatte aus meiner Makler-Tätigkeit, die ich noch ein bisschen nebenbei weitergeführt habe, einiges an Geld auf der hohen Kante. Davon habe ich gelebt. Ich habe mir sieben Jahre lang monatlich ungefähr 1.000 D-Mark ausgezahlt. Davon konnte ich aber nicht meine Frau und Kind ernähren. Meine Frau hat selbst als Erzieherin gearbeitet und wir haben das Ganze zusammengeworfen. Dann gings halt.

Mehr war in den ersten Jahren nicht rauszuholen. Wenn man ein Geschäft aufbaut, dann ist das so. Das wird jeder wissen, der ein Start-up gründet.

Heutzutage scheint es in einigen Fällen schneller zu gehen. Aber ich glaube, wie das immer so ist, es wird nur über die Erfolgsstorys berichtet. Viele müssen auch durch diese leidvolle Erfahrung durch, dass das ein entbehrungsreicher Weg ist.

Wie war der Übergang? Du hast es irgendwann übernommen, oder?

Genau. Das war dann nicht schwer, weil die Freunde sich gar nicht intensiv um den Verlag kümmern konnten und wollten. Ich habe die Freundin, die tolle Ideen geliefert hat, ausbezahlt und der Freund, der nicht wirklich aktiv an dem Geschäft beteiligt war, ist ausgeschieden. Wir sind nach wie vor miteinander verbunden.

Würdest du im Rückblick irgendetwas anders machen?

Das ist eine Frage, die ich mir nie stellen würde. Aber interessant, dass du sie stellst.

Nee, ich glaube nicht. Letztlich besteht für mich Leben daraus, Erfahrungen zu machen. Ich unterscheide da nicht penibel, was sind gute Erfahrungen, was sind schlechte Erfahrungen. Gute Erfahrungen sind in dem Moment vielleicht gut und stellen sich dann nachher als verführerisch raus. Schlechte Erfahrungen sind vielleicht schmerzhaft, aber stellen sich im Nachhinein als das Beste heraus, was einem passieren konnte. Also insofern bin ich mit Bewertungen sehr vorsichtig.

Was ist der Zweck deiner Unternehmung?

Wir sind einmal im großen Team zusammengesessen und haben überlegt, wieso wir hier arbeiten. Was machen wir da zusammen? An Stelle 27 war: Geld verdienen.

Das verändert natürlich die Haltung. Wenn es finanziell nicht gut ist, ist es halt mal finanziell nicht gut. Dann muss man gucken, wie man Lösungen findet. Aber Geld ist ein Mittel. Profitabilität ist ein Ziel, damit man weitermachen kann. Aber die Profitabilität und das Geld ist nicht der Zweck des Unternehmens. Der Zweck des Unternehmen ist, eine Entwicklungsgemeinschaft zu sein, auch mit den Mitarbeitern, mit den Kunden, mit den Lieferanten, mit den Lesern und mit den Autoren zusammen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, nicht nur bei mir, dass das Geld irgendwann deutlich an Wert und Sinn verliert. Und dass man sich nach etwas umschaut, was dann die Sinngebung übernimmt. Das ist bei jedem etwas Anderes. Bei dem einen ist es, mehr Freizeit zu haben. Beim zweiten ist es, Familie und Kinder zu haben und bei dem dritten ist es, Fernreisen zu machen. Für mich war immer der innere Entwicklungsweg das, weswegen ich tue, was ich tue.

Wie unterstützt du die Sinnentwicklung bei deinen Mitarbeitern?

Wir haben ein paar Rituale, die wir regelmäßig praktizieren.

Wir geben unseren Mitarbeitern neben der Fortbildung in dem eigenen Kompetenzbereich auch immer die Möglichkeit, eine Fortbildung im spirituellen Bereich, im Bereich Selbstentwicklung, zu machen. Sie können wählen, ob sie in einem Jahr mehr den Weg der Entwicklung von fachlichen Kompetenzen gehen, oder den Weg hin zu einer inneren Entwicklung.

Natürlich ist das Klima in unserem Unternehmen anders als in anderen Unternehmen. Dass die Mitarbeiter selten kündigen, ist auch ein gutes Zeichen dafür, dass sie einen Raum finden, in dem sie ihre Arbeit machen, sich entwickeln können und sich wohlfühlen.

Wichtig ist uns allen hier auch, dass wir ein Ausbildungsbetrieb sind, die “buy local” Initiative unterstützen, fast ausschließlich auf 100% Recyclingpapier drucken und ebenso fast ausschließlich in Deutschland produzieren.

Was können die Mitarbeiter bei euch für die innere Entwicklung tun?

Wir stellen das ganz frei. Wenn sie einen Meditations-Retreat, eine Yoga-Ausbildung oder eine Aufstellungsarbeit machen wollen, dann ist das alles möglich.

Ich gebe zwar auch mal Anregungen, aber ich habe schon gemerkt, dass jeder Mitarbeiter selbst weiß, was für ihn am besten ist. Gerade für diesen inneren Entwicklungsweg macht es überhaupt keinen Sinn, wenn ich da irgendwas promote.

Angeblich liest nur noch jeder fünfte Deutsche Bücher. Tendenz fallend. Ich habe kürzlich gelesen, dass der durchschnittliche Facebook User 50 Minuten am Tag auf Facebook verbringt. Dazu kommen YouTube und Netflix und weitere Unterhaltungsangebote. Wo bleibt da das Buch?

Das sind Wellenbewegungen. Jetzt sind wir auf der Welle hin zur digitalen Welt. Auch da wird es einen Wellenberg geben und dann geht es wieder in die andere Richtung. Das Buch ist ein relativ stabiles Konsumgut, oder Kulturgut, und das wird nicht vom Markt verschwinden. Auch die E-Books haben es nicht geschafft, dem Buch den Rang abzulaufen. Ich glaube nicht, dass das Internet das tut. Man merkt, wenn man viele Online-Angebote hat, wird das Bedürfnis nach Offline-Angeboten auch größer. Natürlich gibt es Alternativen, aber das Buch wird immer seinen Platz haben.

Wenn jetzt jemand einen Verlag gründen möchte: Was würdest du als Ratschlag mitgeben?

Wenn ich den beraten sollte, dann würde ich mich mit ihm zusammensetzen. Wir würden uns zusammen die Ressourcen anschauen, über die er verfügt und die Idee, die er hat.

Ich würde immer anfangen mit risikoarmen ersten Schritten, um zu sehen, ob die Idee trägt. Die Idee muss immer tragen, unabhängig von dem Professionalitätsgrad, der in der Umsetzung der Idee steckt. Wenn die Idee trägt, kannst du danach professionalisieren, dann läuft es besser. Aber wenn die Idee nicht trägt, dann kannst du eine Million da reinstecken und du wirst immer viel weniger rausholen, als du reinsteckt.

Magst du einen Ausblick wagen, wo dein Medienhaus in zehn Jahren steht?

Neben dem Buch werden mehr und mehr digitale Produkte [zum Beispiel gibt es jetzt schon ein Online-Seminar mit Anselm Grün] dazukommen.

Die nächsten Entwicklungen werden durch die Verbindung mit dem Kunden, den Dialog, initiiert. In unserem Fall ist der Kunde auch der Leser. Den benötigen wir zukünftig, um mit ihm im Dialog Produkte zu entwickeln. Seien es digitale Produkte, Veranstaltungen oder Bücher. Wir müssen viel stärker die Bedürfnisse und die Ideen aus dieser Gruppe mit in unsere Arbeit einfließen lassen und Möglichkeiten schaffen, damit wir in Kontakt kommen und die Menschen bereit sind, mit uns ihre Ideen zu teilen und mitzugestalten.

Das ist etwas ganz Neues. Das müssen wir kultivieren. Unsere Leser können auf das reagieren, was wir ihnen vorschlagen. Das können sie dann mit uns weiterdenken. Sie können uns auch Vorschläge machen, aber wir dürfen jetzt nicht erwarten, dass sie unser Buchprogramm konzeptionieren. Da ist unsere Professionalität und unsere Erfahrungen nach wie vor wichtig und wird gebraucht.

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