Bringt es eigentlich irgendetwas, Business-Ratgeber zu lesen? Ein Gespräch mit Dennis Fischer.

Ich lese viel und fast alles gern: Fachbücher, Sachbücher und Romane. Business-Ratgeber lese ich inzwischen kaum.

Manchmal finde ich sie zwar unterhaltsam. Aber wenn ich zur Unterhaltung lesen möchte, dann greife ich lieber gleich zum neuesten Lokalkrimi von Rita Falk. Ich habe das Gefühl, dass mich Business-Ratgeber selten weiterbringen.

Aber vielleicht irre ich mich. Deswegen habe ich mir den kompetentesten Gesprächspartner zu diesem Thema gesucht, den zumindest ich mir vorstellen kann: Dennis Fischer.

Dennis Fischer
Dennis Fischer

Ich habe ihn vor ein paar Jahren als Innovationsberater im Media-Lab Bayern kennengelernt. Er hat schon mehr als 500 Business-Ratgeber gelesen und stellt sie auf seinem Blog vor. Inzwischen hat er über die Essenz von Ratgebern auch ein Buch geschrieben: 52 Wege zum Erfolg. Wenn mir jemand den Sinn von Business-Ratgeber erklären kann, dann wohl er.

Du hast sehr viele Business-Ratgeber gelesen. Warum?

Ergeben hat sich das, als ich mit 16 Jahren “Getting Things Done” von David Allen gelesen habe. [Anmerkung Moritz: Darin empfiehlt David Allen, seine ganzen To-Dos aufzuschreiben.] Ich habe davon ziemlich viel umgesetzt und hatte dann überall Listen zu Hause rumfliegen, neben dem Bett, auf der Toilette, wirklich überall. So habe ich meine To-Dos wirklich aus meinem Kopf bekommen.

Da habe ich gemerkt: Okay, krass, so ein Buch für 9,99 € kann mein Leben im positiven Sinne verändern. Dann habe ich angefangen, statt Romanen immer mehr Sachbücher und Ratgeber zu lesen.

Und seitdem, wenn ich eine Frage an das Leben habe, mich irgendwo verbessern oder was erfahren will, nehme ich jedes Mal zuerst ein Buch in die Hand.

Haben dich Bücher seit deinem ersten – ich nenne es jetzt einfach mal Erweckungserlebnis – oft weitergebracht?

Auf jeden Fall! Aber natürlich haben mich die Bücher nur weitergebracht, wenn ich auch die Übungen gemacht habe, die in den Büchern empfohlen wurden. Oder wenn ich mir wirklich zu dem Buch Gedanken gemacht habe.

Ich habe auch viele Bücher, gerade vor ungefähr zehn Jahren, einfach verschlungen. Bei denen kann dir nicht mehr sagen, was drin stand. Einfach weil ich nichts umgesetzt habe. Das ist schon ein kritischer Punkt.

Du liest ja ein Haufen Bücher. Seit wie vielen Jahren liest du jede Woche ein Buch?

Jetzt seit vier Jahren ein Buch pro Woche.

Krass. Wie viel Zeit bleibt da für die Umsetzung?

Gute Frage. Da muss ich dazu sagen, dass ich am Anfang, als ich meinen Blog 2016 gestartet habe, schon einige Bücher vorgelesen hatte, sodass ich die dann nur noch mal kurz auffrischen musste und deswegen mehr Zeit für die Umsetzung hatte.

In den letzten Jahren war es auf jeden Fall mehr Aufwand. Deshalb schreibe ich in meinen Blog auch immer die ein, zwei, maximal drei spannendsten Denkanstöße auf und das sind auch die Dinge, die ich umsetzen möchte.

Also ich würde sagen: Zwei Sachen pro Buch setze ich um. Sicherlich viele kurzfristig, manche bleiben auch langfristig. Aber mehr auch nicht.

Meine erste Kritik: Business-Ratgeber sind oft banal und der Inhalt ist zu großen Teilen für mich nicht relevant.

Ich habe auch einige der Ratgeber-Klassiker mit anfänglicher Begeisterung gelesen. Aber nach einger Zeit habe ich festgestellt, dass meistens der Inhalt sehr banal ist. „Getting things done“ hast du ja schon genannt. Da steht doch eigentlich drin: Schreib auf, was du tun muss.

Ja, genau: „Your mind is for having ideas, not for holding them.“

Oder „Seven habits of highly effective people“: Überleg dir, was du willst und mache es dann.

Ganz kurz zusammengefasst, ja.

Oder „How to win friends and influence people“: Sei nett zu Anderen.

Genau: Interessiere dich mehr für Andere mehr als für dich selbst.

Das, was über diese banalen Erkenntnisse hinausgeht, ist dann oft so spezifisch, dass es für mich nicht passt. Als Beispiel: David Allen empfiehlt in Getting Things Done für verschiedene Mindsets oder Energielevel verschiedenen To-Do-Listen anzulegen. Das habe ich auch mal gemacht, aber das war für mich viel zu umständlich. Das funktioniert vielleicht für David Allen, aber nicht für mich. 

Kannst du die Erfahrung teilen, dass große Teile eines Ratgeber für dich nicht passen?

Ja, durchaus. Ich nehme aus den Büchern raus, was für mich passt.

Weil du die Listen aus Getting Things Done angesprochen hast: Ich hatte damals auch Listen für Kino, Geschenke und tausend andere Sachen gemacht und mir dann auch schnell gedacht, das ist ja eigentlich völliger Humbug.

Eigentlich reichen mir drei Listen: private To-Dos, berufliche To-Dos und Geschenke.

Die Geschenkeliste finde ich übrigens echt praktisch, weil ich das immer ätzend finde, kurz vor einem Geburtstag oder vor Weihnachten wie ein Bekloppter durch die Stadt zu rennen und Geschenke zu suchen. Da habe ich während des Jahres einfach gute Ideen, die ich mir dann aufschreibe. Dann bin ich vor Weihnachten relativ entspannt und muss nur meine Liste durchgehen.

Meine zweite Kritik: Business-Ratgeber haben oft eine sehr eindimensionale Vorstellung von Erfolg.

Eine weitere Kritik an Ratgebern ist deren sehr eindimensionale Vorstellung von Erfolg. Erfolg ist gleichzusetzen mit viel Geld. 

Da hake ich gleich mal ein. 

Zum einen hat sich das in den letzten Jahren verändert. Bei den alten Büchern, die in den 50ern oder 60ern geschrieben wurden, ist das auf jeden Fall so. Nachdem dem Krieg war das Ziel einfach der Wiederaufbau und der Reichtum. Es gab auch genügend Vorbilder dafür. Ich glaube, das verändert sich gerade. Mittlerweile kommen Achtsamkeit, ganzheitlicher Erfolg und Purpose auch in den Büchern vor.

Zum anderen ist viel Geld viel sichtbarer und dadurch einfacher zu vermarkten. Wenn ich jetzt zwei Facebook-Anzeige sehe: Als erstes von jemandem, der im Yogi-Sitz total erfüllt in die Gegend guckt und sagt: „Hier, kauf mein Buch“ und als zweites von jemandem der 150 Millionen Euro mit Immobilien gemacht hat und sagt: „Kauf mein Buch“, dann kann ich beim zweiten Beispiel überprüfen, ob das stimmt. Der erste kann einfach behaupten, dass er erleuchtet ist. Vielleicht ist der todunglücklich und springt gleich von der Brücke.

Gut, da würde ich sagen, dass der andere vielleicht auch todunglücklich ist, nur hat er halt 150 Millionen. 

Ziemlich sicher, ja. Da hat das Eine mit dem Anderen nichts zu tun, das stimmt.

Meine dritte Kritik: Business-Ratgeber empfehlen, sich Ziele zu setzen. Dabei bringt das oft nichts.

Was bei vielen Ratgebern eine wichtige Rolle spielt, ist das Setzen von Zielen. Als wie wichtig siehst du Ziele an?

Ich finde Ziele schon wichtig, aber eher auf dem Level einer Vision, sodass man sich überlegt: Wo will ich hin? 

Ansonsten würde ich von Tag zu Tag leben. Das kann auch schön sein, für mich ist es das aber nicht. Dann denke ich, was habe ich jetzt eigentlich gemacht? 

Bei mir passiert dann auch nicht viel, weil ich jemand bin, der Ziele braucht. Als ich einen Marathon laufen wollte, habe ich mir das als Ziel gesetzt und sehr viel dafür trainiert. Nachdem ich den Marathon gelaufen bin, war ich ein halbes Jahr nicht joggen. Einfach weil ich kein neues Ziel hatte.

Und wie war das dann für dich, als du dein Ziel erreicht hattest und den Marathon gelaufen warst?

Es war mit der beste Tag meines Lebens. Das war ein krasses Gefühl. Jetzt mal abgesehen davon, dass man am Ende von so einem Marathon wahrscheinlich immer euphorisch ist, wenn man es ins Ziel schafft.

Trotzdem ist das Problem bei Zielen, dass du danach einfach aufhörst oder sich diese Befriedigung nicht so einstellt, wie du sie dir erwünscht hast. 

Deswegen glaube ich mittlerweile eher daran, eine große Vision zu haben und immer daraufhin zu arbeiten. Das finde ich wertvoll, um nicht nur das zu machen, was andere mir sagen oder was sich gerade ergibt.

Verschiebt man dadurch das gute Leben nicht in die Zukunft? Egal ob man das jetzt Ziel nennt oder Vision, aber dadurch wird doch der Status quo automatisch abgewertet. Eigentlich geht es ja darum, dass das “Jetzt” super ist.

Das ist ein spannender Punkt. Ich habe gerade „The subtle art of not giving a fuck“, auf Deutsch „Die subtile Kunst des darauf Scheißens„, von Mark Manson gelesen. Da schreibt er genau das Gleiche. 

Dass genau die Gefahr ist, zu sagen: Ich bin erst glücklich, wenn-. Aber darum geht es mir nicht.

Ich habe auch durch Mediation gelernt, präsent zu sein und den Moment zu genießen und trotzdem eine höhere Vision zu haben, im Sinne von: “Ja, der Moment ist schön, aber es gibt auch Dinge, die ich einfach noch erleben und erreichen will.”

Ich glaube mittlerweile, aber da bin ich auch erst seit ein paar Monaten angelangt, dass es beides Hand in Hand gehen kann. Dazu passt auch einer meiner Lieblingssprüche: “Es ist schön, einen Plan zu machen, aber nicht, einen Plan zu haben.”

Damit ist gemeint, dass man sich Gedanken machen soll, wo man hin will, um nicht wie ein Fähnchen im Wind hin- und herzuschwenken. Aber man sollte nicht jeden Schritt bis ins Kleinste durchplanen, weil spätestens bei Schritt drei passiert was ganz anderes und das Leben kommt dazwischen. 

Wenn es ein Jahr länger dauert, bis ich meinen Marathon laufe, dann dauert es halt ein Jahr länger. Davon wird die Welt auch nicht untergehen.

Was ich noch interessant finde zum Stellenwert von Zielen. Es gibt diese berühmte “Studie” von Yale über die Wichtigkeit von Zielen. Du kennst sie sicherlich auch. Da hat man 1953 Studenten gefragt, ob sie spezifische Ziele im Leben haben und ob sie die schriftlich festgehalten haben. Dann hat man sie 20 Jahre später noch mal befragt und die 3%, die ihre Ziele schriftlich fixiert hatten, waren genauso reich wie der Rest zusammen. 

Obwohl die Studie in wirklich vielen Ratgebern zitiert wird, wurde diese Studie nie durchgeführt.

Ja, ich habe auch letztes Jahr gelesen, dass es sie gar nicht gibt.

Das finde ich interessant, weil es zeigt, wie das Setzen von Zielen fast schon ein religiöses Dogma ist, das auf Legenden beruht. Ich beobachte, dass Ziele, auch im beruflichen Alltag, eher selten erreicht werden. Und so haben Ziele nichts gebracht, sondern waren eher eine Quelle von Stress. Vielleicht habe ich auch bisher einfach in selten unerfolgreichen Projekten mitgearbeitet… Aber das glaube ich eigentlich nicht. 

Wovon ich mittlerweile auch mehr halte, sind neben der langfristigen Vision kurzfristige Ziele. Also zum Beispiel OKRs, Objective and Key-Results. Da überlege ich mir, was ich die nächsten drei Monate mache, weil das ein Zeitraum ist, den ich überschauen kann, den ich planen kann und für den ich ungefähr abschätzen kann, ob ich das Ziel erreiche.

Aber was ich in zwei Jahren erreiche? Keine Ahnung, da hat sich so viel getan.

OK, Abschlussfrage: Wie lange liest du noch Ratgeber? Oder hast du sie bald alle gelesen?

Nein, ich bin damit langsam durch. Deswegen habe ich auch ein Buch geschrieben: Die besten Ideen aus über 500 Business-Ratgebern

Es gibt nicht mehr viele Bücher, die mich wirklich interessieren. Inzwischen steht in einem  Business-Ratgeber für mich oft 20 Seiten spannender Inhalt drin und die anderen 280 Seiten kenne ich schon. Zumindest gefühlt.

Deswegen reduziere ich mein Pensum jetzt, wahrscheinlich auf ein Buch im Monat.

Danke für das Gespräch, Dennis.

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