Berufliche Weiterentwicklung: Wohin des Weges, Selbstständiger?

Ich bin selbstständig. Da gibt es keine Beförderung und keinen Karriereweg. Darum ist eine berufliche Weiterentwicklung weder vorgezeichnet noch selbstverständlich.

Wege zur beruflichen Weiterentwicklung
Wo geht es zur beruflichen Weiterentwicklung?

Das letzte Jahr war ich viel in Elternzeit. Doch jetzt unternimmt mein Sohn die ersten Schritte bei einer Tagesmutter. Deswegen habe ich auf einmal mehr Zeit und kann mir über berufliche Weiterentwicklung Gedanken machen.

Grundsätzlich empfinde ich meine Arbeitssituation als angenehm und priviligiert. Jetzt radikal etwas anderes zu machen, dafür gibt es keinen Grund.

Für mich, und auch für die meisten Solo-Selbstständigen, sehe ich diese Entwicklungsmöglichkeiten:

Größere Projekte und mehr Umsatz

Das ist wohl der Klassiker der Weiterentwicklung: Die eigene Arbeitsauslastung hochfahren und dabei die Bezahlung pro Stunde zu erhöhen. Das geht am einfachsten, wenn man für große Unternehmen arbeitet, weil die Projekte komplexer und größer sind und man höhere Preise ansetzen kann.

Meine Perspektive auf diese Möglichkeit:
Eigentlich arbeite ich gerne für kleine Unternehmen, weil dort mein Impact viel unmittelbarer zu erfahren ist. Da ich meine Arbeitszeit gerade weiter erhöhe, bin ich aber offen für neue Projekte und setze aktuell bei Anfragen meinen Preis höher als bisher an.

Agentur

Das ist ein Weg, den viele Solo-Selbstständige im Erfolgsfall irgendwann automatisch gehen. Die Projekte werden zu groß oder zu viele oder beides gleichzeitig, als dass man alle Aufträge alleine bewältigen kann. Also stellt man Leute an und wird zur Agentur, wodurch man dann wieder mehr und größere Projekte akquirieren kann.

Meine Perspektive auf diese Möglichkeit:
Ich verstehe die Verlockung, die eigene Arbeitskraft durch Mitarbeiter zu verstärken. Allerdings hat der Kapitalismus einen dann auch am Kragen, weil man auf Teufel komm raus Projekte und Umsatz akquirieren muss, um seine Mitarbeiter zu bezahlen und sonstige Fixkosten zu decken. Dieser Druck kann einen in Projekte zwingen, für die man weder Lust noch die Expertise hat.

Freelancer-Kollektiv

Nicht nur Agenturen können größere und lukrativere Aufträge gewinnen. Das kann auch als Zusammenschluss mehrerer Selbstständiger klappen, die unter einer gemeinsamen Marke auftreten. Ein Beispiel für so eine gemeinsame Marke ist Little Futures von zwei New Yorker Beratern, die unter diesem Namen ihre Kräfte bündeln und so eine ganz spezielle Art von Projekten angehen wollen. Beide bearbeiten auch weiterhin alleine Aufträge. Ein Beispiel aus München sind die Techgenossen, die als Selbständige im Verbund sinnvolle digitale Produkte bauen wollen.

Meine Perspektive auf diese Möglichkeit:
Ich glaube, dass sich so ein Zusammenschluss aus dem persönlichen Netzwerk entwickeln muss. Als wichtig erachte ich, dass bei so einem losen Verbund alle mit Freude und Engagement bei der Sache sind und auch jedem klar ist, was er davon hat. Prinzipiell finde ich so etwas einer Agentur überlegen: In einem Netzwerk gleichgestellter und kompetenter Partner zu arbeiten, ist für mich deutlich attraktiver als in einer Agentur, in der ein Chef die Ansagen macht – selbst wenn ich der Chef bin.

Eigene Projekte

Die Grundidee ist einfach und verführerisch. Man setzt seine Fähigkeiten nicht für Kunden ein, sondern für ein eigenes Projekt. So baut zum Beispiel ein App-Entwickler eigene Apps, die er dann über den App Store vertreibt. Oder ein Online-Marketeer setzt einen eigenen Online-Shop auf, in dem er Cashew-Kerne übers Internet verkauft. Oder ein Journalist setzt ein eigenes Online-Magazin zu seinem Lieblingsthema auf und vermarktet es selbst.

Meine Perspektive auf diese Möglichkeit:
Die Idee ist einfach, aber die Umsetzung ist aufwändig. Wichtig finde ich dabei, dass man genug zeitlichen und finanziellen Spielraum hat. Eigene Projekte sind meistens nicht die Arbeitszeit wert, zumindest wenn man sie rein monetär mit Kundenprojekten vergleicht. Dafür warten auch einige Vorteile auf den Selbstständigen: Man lernt viel, es ist oft eine gute Referenz und gutes Marketing. Außerdem stärkt man die eigenen Unabhängigkeit, weil man unabhängig von der Auftragslage daran arbeiten und im besten Fall auch Geld verdienen kann.

Wissensprodukte

Technisch wird es zunehmend einfacher, einen Online-Kurs zu erstellen oder ein Buch zu veröffentlichen und so die eigene Expertise zusätzlich zu vermarkten. Deswegen tun dies wohl auch immer mehr Selbstständige. Und in der Theorie ist das natürlich auch eine profitable Angelegenheit, weil sich so das Einkommen von der eigenen Arbeitszeit entkoppelt. 

Meine Perspektive auf diese Möglichkeit:
In der Praxis ist es dann aber oft anders. Da es so viele Bücher und Online-Kurse gibt, ist es sehr schwer, da herauszustechen. Dass sich ein Wissensprodukt so oft verkauft, dass die hineingesteckte Arbeit am Ende mit dem eigenen normalen Stundensatz vergütet wird, ist selten. Da mir so etwas aber eigentlich Spaß macht, finde ich es trotzdem interessant. Außerdem schaut es natürlich auch gut nach außen aus, wenn man sich so als Experte positioniert. Aber in der Online-Marketing-Nische ist es besonders zäh, weil da die Content-Flut noch ausgeprägter ist.

Unternehmensgründung

Gerade als Selbstständiger, der vorwiegend in einem Bereich arbeitet, sieht man die gleichen Problemstellungen wieder und wieder. Wenn man da eine intelligente Lösung baut, die sich automatisieren lässt, hat man schon fast alle Zutaten für eine erfolgreiche Firma beisammen und kann diese, dank der Flexibilität als Selbstständiger, auch noch nebenbei aufbauen.

Meine Perspektive auf diese Möglichkeit:
Dass dies funktionieren kann, dafür gibt es viele Beispiele. Das bekannteste aus München ist wohl Ryte. Aber ich habe so eine automatisierbare Lösung momentan nicht im Programm und eine Firma aus reiner Begeisterung zu gründen, das habe ich schon hinter mir.

Festanstellung

Viele Selbstständige wechseln nach ein paar Jahren in eine Festanstellung. Sei es, weil die Aufträge auf einmal ausgegangen sind oder weil man sich in einen Auftraggeber und dessen Team verliebt hat und am liebsten nur noch für den arbeiten möchte.

Meine Perspektive auf diese Möglichkeit:
Momentan fühle ich mich wohl als Selbstständiger und genieße auch die unterschiedlichen Impulse aus unterschiedlichen Projekten. Aber der Unterschied zwischen Selbstständigkeit und Anstellung ist nicht sehr groß, wenn man bei der richtigen Firma angestellt ist. Hier ist einer der seltenen Erfahrungsberichte von einem, der zurück in die Anstellung gewechselt ist und mit dieser Entscheidung glücklich ist: The unexpected pleasures of returning to employment from freelance life.

Etwas komplett anderes als zweites Standbein

Manche Selbstständige sind nicht nur in einem Kompetenzbereich unterwegs, sondern in mehreren. Neben der eigentlich Cash Cow kommt dann noch eine weitere Tätigkeit hinzu. Zur Zeit besonders in Mode ist nach meiner anekdotischer Beobachtung Yoga-Lehrer, systemischer Coach und SCRUM-Master. In südlichen Ländern ist das wohl noch viel verbreiteter. Über einen Griechen auf Kreta: Nach dem Abi hatte er Informatik studiert, im Frühling begleitet er Touristen auf Wanderungen durch die kretischen Berge, im Sommer arbeitet er als Kellner in einer Taverna, im Herbst erntet er Oliven und im Winter geht er auf Reisen durch die ganze Welt. Nebenbei programmiert er Webseiten für Reiseanbieter und macht den besten Cappuccino der Insel.

Meine Perspektive auf diese Möglichkeit: 
Das wirkt auf mich erstmal sympathisch. Wenn das Interesse in einem Bereich so groß ist, dies auch zu einem Job auszubauen, sehe ich erst einmal nichts, was dagegen spricht. Aber ich glaube, das macht keinen Sinn, so etwas anzugehen, wenn man noch keine Begeisterung für das potenzielle zweite Standbein mitbringt.

Berufliche Weiterentwicklung konkret angehen

Ich sehe diese acht Möglichkeiten, sich als Selbstständiger weiterzuentwickeln. Aber ich glaube nicht, dass ich irgendetwas davon erzwingen kann. Es muss sich alles selbst entwickeln und ergeben. Was ich konkret tun kann: Meinen Interessen folgen, mich weiterbilden (und dafür auch was zu bezahlen), über meine Interessen schreiben (dann finde ich die Leute, die meine Interessen teilen), interessante Projekte akquirieren und den Mut haben, eigene Projekte zu starten, wenn ich eine Idee habe.

Insgesamt finde ich auch wichtig, über die Frage nach seiner Arbeit nicht zu sehr zu verkrampfen. Ich lebe nicht, um zu arbeiten. Ich arbeite, um zu leben. Solange die Kasse stimmt, gibt es keinen Grund nervös zu werden.

Die ungeschliffene Gedanken zu diesem Beitrags habe ich über meinen Newsletter versandt. Vielen Dank an alle, die mir geantwortet und zu diesem Beitrag beigetragen haben. Wenn du in Zukunft auch über meinen Newsletter mit mir (maximal ein Mal monatlich) in Kontakt bleiben willst, kannst du dich hier eintragen.

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1 Kommentar

  1. Dieser Hinweis zum Freelancer-Kollektiv hat mich noch auf Facebook erreicht:

    Mache nie mit jemandem Geschäfte, weil du mit ihr/ihm befreundet bist – höchstens trotzdem.

    Als Freelancer im Kollektiv läufst du eben nicht ganz so in die Wachstumsfalle wie als Agenturchef.

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